Upcycling 6: Die Kunst wird den Megahype der Müllverwertung überdauern

Katzengesicht
Katzengesicht * Freyjas Katze Trjegul ("Bernstein"). Foto: Koller

 

Dem Trend, alte Gegenstände zu stylischen, dekorativen Neuschöpfungen aufzuwerten, entgeht fast nichts mehr. Mag sein, dass dieser Hype in Kürze so fett und gesättigt ist, dass er an sich selbst erstickt: Wenn dereinst die letzte verfügbare hölzerne Europalette in Wohn- oder Schlafzimmern verbaut, das letzte Surfbrett als Couchtisch dient und der letzte Fahrradschlauch zu einer Handtasche umgemodelt ist. Was bleiben wird, ist die die Upcycling Kunst. 

Katzengesicht Detail
Katzengesicht Detail - Ohr und Augenschlitze - Foto: Koller

Es geschieht beim Gang über das Gelände der Neubausiedlung am Stadtrand. In einer Pfütze liegt ein rostiges Blech, das durch mehrere markante Einschnitte auffällt. Der Betrachter sieht in ihnen schräggestellte Augenschlitze. Neugierig bleibt er stehen und gewahrt unterhalb der Augen ein typisches dreieckiges Näschen. Als er den Gegenstand aus seiner nassen Umgebung herauszieht, erkennt er das komplette Gesicht einer Katze.

 

Deren Züge sind vom Rost regelrecht in das Metall geätzt worden. An der linken Seite wurde das dreißig mal vierzig Zentimeter große Objekt durch Gewalteinwirkung aufgebogen und vermittelt hier den Eindruck eines Ohres. 

Upcycling Kunst: Ein Kunstwerk wird von denjenigen gemacht, die es betrachten

Am Beispiel dieses Fundes ereignete sich, was André Breton, der französische Dichter und Theoretiker des Surrealismus in den 1920er Jahren beschrieb, als der davon sprach, dass es „vorfabrizierte Objekte“ gäbe, „die die Würde eines Kunstwerks“ erlangen, indem man sie erwählt. Solche Fundstücke (Objet trouvé ) werden zur Kunst „durch die Wahl des Künstlers“. Wobei Künstler im Sinne von Joseph Beuys jeder sein kann. Nach Breton vertrat in den 1950er Jahren auch Marcel Duchamp, Objektkünstler und Mitbegründer des Dadaismus diese Ansicht. Für ihn existierte ein Kunstwerk überhaupt erst dann, wenn der Betrachter es angeschaut hatte. Bis dahin, so Duchamp, „ist es nur etwas, das gemacht worden ist und wieder verschwinden kann, ohne dass jemand davon weiß.“ Duchamp sagte, dass ein Werk „vollständig von denjenigen gemacht“ wird, „die es betrachten oder es lesen und die es, durch ihren Beifall oder sogar durch ihre Verwerfung überdauern lassen.“ Er sprach von Readymades, wenn der Künstler den Gegenstand lediglich vorfindet und präsentiert und am Objekt keine oder kaum Bearbeitungen vornimmt.

 

Stierkopf
Pablo Picasso, Stierkopf (1942)

Das Katzengesicht von der Baustelle ist durch die Augen des Betrachters vom rostigen Blech zum fein ziselierten Kunstwerk aufgestiegen. Dieses wurde, als  es im Baustellenschmutz bereits der endgültigen Verrottung entgegenging, durch seine Entdeckung in den künstlerischen Adelsstand erhoben. Das Objekt war vorfabriziert durch den chemischen Prozess des Rostes. Im Atelier wurde es auf weißer Leinwand liebevoll arrangiert. Nun fasziniert es die Augen ungezählter Betrachter. 

 

Surrealisten und Dadaisten verdanken wir, dass solche Fundstücke als Kunst erkannt werden, die noch gar kein Atelier von innen gesehen hatten. Pablo Picasso arrangierte den berühmten Stierkopf aus einem Fahrradsattel und einem Lenker. Kunst wurde damit aus dem Gefängnis angestrengter Produktionsprozesse befreit. Sie konnte im Vorhandenen gesehen werden. Kreativität erfuhr einen neuen Stellenwert. Lust zur Interpretation und zum Arrangement löste Mühsal ab. 

Upcycling Borkum
Upcycling-Kunst auf dem Bauernhof/ Insel Borkum - ausgediente Landmaschinen als Kunstwerke arrangiert. Foto: HGW

Damit waren Künstler der 1920er Jahre die eigentlichen Erfinder des Upcyclings, auch wenn wir dafür erst 70 Jahre später, in den 1990er Jahren, diesen Namen dafür erfunden haben. Die Faszination dauert an.  Findlinge aus der Natur werden auf den Sockel gehoben und als Geomantik Art bewundert. Außerdem wird Bestehendes aus handwerklicher und industrieller Produktion, das eigentlich aus der Verwendung ausgeschieden ist, neu präsentiert, aufgewertet, also up-cycelt. Es entstehen praktische und künstlerische Neuinterpretationen.  

 

Dem Trend, alte Gegenstände zu stylischen Neuschöpfungen aufzuwerten, entgeht fast nichts

Hotel im Upcycling-Look - Eröffnung März 2018
Hotel im Upcycling-Look - Eröffnung März 2018

Dem Trend, alte Gegenstände zu stylischen, dekorativen Neuschöpfungen aufzuwerten, entgeht fast nichts. Aus alten Jeans entstehen Geldbeutel. Für Boote, Gewächshäuser und sogar für Wohnimmobilien in Entwicklungsländern werden PET-Flaschen zusammengesetzt. Handtaschen bestehen aus Fahrradschläuchen. Modeschmuck war manchmal im ersten Leben eine Kaffee-Kapsel oder bunte Alufolie, die um Schokoeier gewickelt war. Dazu passen dann Schmuckständer aus leeren Klo- oder Küchenpapierrollen.

Und dieser Trend nimmt noch immer zu. Nächstes Jahr im März will das Hotel „Alles Paletti“ in Rövershagen bei Rostock eröffnen. In diesem Haus werden Euro-Paletten zu Betten, Kabeltrommeln zu Couchtischen, Transportkisten zu Schubladen und alte Stoffbeutel zu Sitzbezügen. Es ist nicht die erste Herberge, die sich so ausstaffiert. In Österreichs Metropole zum Beispiel hat das bekannte Wiener Boutiquehotel Stadthalle Wien sich schon vor Jahren dieserart möbliert.

Schulklassen basteln Mäppchen aus Tetra Paks, Volkshochschulen bieten entsprechende Kurse an. In Bochum beispielsweise lernt die Bühnen- und Kostümbildnerin Esther van de Pas vom Bochumer Schauspielhaus ein interessiertes Publikum dazu an, aus alten Schuhen eine Maske zu fertigen.

 

Upcycling Kunst - "Spiralität" - Symbol ewiger Wiederkehr - Fundstück Spirale auf weißem Sockel
Upcycling Kunst - "Spiralität" - Symbol ewiger Wiederkehr - Fundstück Spirale auf weißem Sockel

Upcycling-Produkte haben längst auch Einzug in die ganz private Alltagskultur gefunden. Dahinter steckt der Versuch, sich auf eine besondere Art selbst zu verwirklichen. Denn  wer sich heute nur stets mit dem Allerneuesten umgibt, kann unversehens ziemlich alt aussehen. Neu, das hat ja im Zweifel ein jeder - jeder kann es sich eins zu eins genau wie sein Nachbar oder Bekannter besorgen. Da kommt Upcycling gerade recht. Gebrauchtes neu verwendet, umgestaltet, das ist im Idealfall ein Unikat, das so kein zweiter besitzt. Das gilt allerdings nur, solange man nicht auf Fake-Olds hereinfällt. Eine ganze Reihe von Labels der Upcycling-Industrie, die längst entstanden ist, produziert „Altprodukte“ erst, um sie dann  als upcycelt teuer verkaufen zu können. Viele Stofftaschen aus Militär oder LKW-Planen haben nie einen Lastwagen oder ein Heeresdepot gesehen. Und für andere angebliche Upcycling-Produkte gilt das ebenso. 

Sattelgesicht
Upcycling Kunst - Sattelgesicht - H. Schenk

Außerdem darf man wohl in absehbarer Zeit darauf wetten, dass der Hype so fett und gesättigt ist, dass er an sich selbst erstickt. Wenn dereinst die letzte verfügbare hölzerne Europalette in Wohn- oder Schlafzimmern verbaut, das letzte Surfbrett als Couchtisch dient und der letzte Fahrradschlauch zu einer Handtasche umgemodelt ist, dann sehen sich Wohnungen wieder so sehr ähnlich wie im Ikea-Zeitalter. Wenn das erst einmal soweit gediehen ist, wird viel Schrott in den Wertstoffhöfen zusammenkommen.

Was bleiben wird, ist die Kunst

Hobelux
Upcycling Kunst - Hobelux - Martin Lutze

Was bleiben wird, ist die Kunst. Nicht nur im Sinne von Egon Schiele und seinem Diktum: „Kunst kann nicht modern sein. Die Kunst ist primordial (ursprünglich seiend) ewig.“ Der österreichische Expressionist hatte mit seinem Ausspruch Prinzipielles im Sinn, nicht einen speziellen Zweig. Dennoch gehört Upcycling Kunst natürlich dazu.

 

Was Breton und Duchamp formulierten und Picasso mit dem berühmten Stierkopf demonstrativ bewies, gilt ewig: Die Werke der Kunst werden vollständig von denjenigen gemacht, die sie betrachten und damit überdauern lassen.

 

Upcycling Kunst hat wie jede Kunst viele Gesichter. Sie wurde von Künstlern erfunden. Picasso arrangierte Fahrradlenker und Sattel zum Schädel eines Stieres. Warhol malte Konservendosen und baute Seifenverpackungen nach. Der Wormser Holger Schenk hat das Fahrrad mit allen seinen Teilen als Kunstobjekt entdeckt. Seine Ausgangsmaterialien sind Ketten, Naben, Lenker Sättel.   

 

Radelux
Upcycling Kunst - Radelux - M. Lutze

In Fürstenfeldbruck hat sich der pensionierte Lehrer Martin Lutze im Keller seines Hauses eine Künstlerwerkstatt eingerichtet. Seine Leidenschaft sind Leuchten, die er aus alten Materialien baut. Lutze empfindet eine spielerisch-intuitive Freude an der Wiederverwertung und Umwidmung von Dingen, die normalerweise weggeworfen werden. Der Pensionist hat großes handwerkliches Geschick. Und eine Leidenschaft: „Es ist einfach schön“ sagt er, “alten Dingen, die keiner mehr will, einen neuen Sinn zu geben“. Lutze selbst sieht sich zu Recht eher als Künstler, denn als Handwerker. 

Dario Tironi aus Bergamo hat den Satz von Duchamp über die Entstehung von Kunst durch den Betrachter nur leicht variiert: „Schönheit liegt im Auge des Betrachters” ist sein Motto. Und diese alte Wahrheit wird sichtbar in den farbenfrohen Skulpturen des Künstlers, die zur Gänze aus Abfallprodukten bestehen.

Skulpturen Tironi
Upcycling Kunst - Skulpturen aus buntem Müll - Dario Tironi

 

Das Katzengesicht von der Siedlungsbaustelle wurde im Fotoatelier eindrucksvoll ins Bild gesetzt. Den Künstler erinnerte die nur geringfügig konservierte Rostfarbe an Bernstein. Er gab daher dem Werk den Namen „Freyjas Katze Trjegul“, wobei Trjegul aus dem Altnordischen übersetzt soviel wie „Bernstein“ heißt. Der Wagen der germanischen Liebes- und Fruchtbarkeitsgöttin Freyja wurde bekanntlich von Katzen gezogen – und eine davon hat nun quasi Platz auf einer weißen Künstlerleinwand gefunden, von wo sie listig in die moderne Zeit hineinschaut.

 

Katzengesicht HGW
Upcycling Kunst * Katzengesicht Freyjas Katze Trjegul ("Bernstein"). Foto HGW

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