Neues vom Darm: Unser Bauch bestimmt den Takt des Lebens

Aufbau des Darms. Bildquelle: Felix Burda Stiftung.
Der Bauch bestimmt den Takt des Lebens. Bildquelle: Felix Burda Stiftung.

Unser Darm ist bodenständig. Das heißt: Ortswechsel bekommen ihm nicht gut. Ein Grund dafür ist, dass seine Bewohner, die Verdauungsbakterien, heimische Nahrung gewohnt sind. Darauf sind sie eingestellt. Regelmäßige Mahlzeiten und ein Essen, das sie kennen, das mögen Darmbakterien. Auf Reisen kommen die Speisen nicht nur zu anderen Zeiten, sondern mit einer fremden, ungewohnten Kost gelangen plötzlich auch viele andere Bakterienstämme in den Darm, die prompt ein ziemliches Chaos veranstalten. Dann kommt es zu Reisedurchfall. Wir sprechen scherzhaft von Montezumas Rache oder dem Fluch der Pharaonen. Doch wie man sieht, bedarf es solcher Verschwörungstheorien nicht. Die Erklärung für eine gestörte Verdauung auf Reisen liefern uns unsere bodenständigen Darmbewohner, die in der Fremde unter ungewohnten Bedingungen leiden.

Neues vom Darm: Verdauungsbakterien leben nach einer inneren Uhr

Moderne Menschen reisen oft und viel. Der menschliche Darm kommt mit seinem Besitzer ganz schön herum auf dem Globus. Und nun zeigt sich, dass die Lebewesen im Darm dabei sogar auf die Zeitverschiebungen reagieren, die Fernreisen mit sich bringen, genau wie der Mensch, in dem sie zuhause sind auch. Das Billionenheer der Mikroben in unseren Eingeweiden unterliegt dem Jetlag. Das heißt, dass auch unsere Verdauungshelfer nach einer inneren Uhr leben. Herausgefunden haben dies Forscher am Weizmann Institute of Science in Rehovot bei Tel Aviv. (Veröffentlicht Mitte Oktober 2014 in „Cell“, der vierzehntäglich erscheinenden wissenschaftlichen Zeitschrift für experimentelle Zellbiologie).

 

Die Zellforscher ermittelten, dass die Anzahl der verschiedenen Bakterienarten im Verdauungstrakt während eines Tages zu- und abnimmt und damit die individuelle Zusammensetzung der Darmbevölkerung. Auch Aufgaben und Wirkungen der Darmflora veränderten sich dadurch. Störungen dieser gewohnten Rhythmen durch Zeitverschiebungen können zu gesundheitlichen Schäden führen. Dazu zählen Übergewicht, Stoffwechsel-Erkrankungen, Asthma, Allergien und sogar Herz- Kreislaufkrankheiten. Die Wissenschaftler am Weizmann Institut haben ihre Untersuchungen zunächst an Mäusen gemacht. Sie konnten aber zeigen, dass auch unsere menschliche Darmflora einer inneren Uhr gehorcht und dass Veränderungen durch den Bakterien-Jetlag genau so wie etwa durch Schichtarbeit zu gefährlichen Erkrankungen führen.

Neues vom Darm: Nicht einmal fünf Prozent der Menschen kennen ihre Verdauungsorgane

Der Darm und seine Bakterien steuern viele Prozesse im menschlichen Körper. Sie produzieren Hormone, Vitamine und den Großteil unserer körpereigenen Immunabwehr (über 70 Prozent). Doch gerade über die Funktionen ihrer Verdauungsorgane sind die allerwenigsten Menschen informiert. Eine aktuelle Untersuchung, veröffentlicht im Oktober in Österreich, hat ergeben, dass nicht einmal fünf Prozent der Erwachsenen wirklich über das Geschehen im Darm Bescheid wissen.

Neues vom Darm: Millionen Tote durch Darminfekte im Jahr

Weltweit sterben Jahr für Jahr rund drei Millionen Menschen an den Folgen einer Infektion des Magen-Darm-Traktes. Allein 2,5 Millionen dieser Todesfälle gehen auf Durchfallerkrankungen zurück, das sind vier Prozent. Bei Kindern bis zum Alter von fünf Jahren sterben sogar bis zu 15 Prozent an Magen-Darm-Infektionen. Diese Zahlen wurden vor wenigen Tagen beim fünften „North Regio Day on Infection“, kurz „NoRDI“, am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig mitgeteilt. Dort trafen sich Experten aus mehreren europäischen Ländern, um sich über neueste Forschungsergebnisse und -projekte auf dem Gebiet der gastrointestinalen Infektionen und ihrer Erreger auszutauschen.

 

Um sich erfolgreich schützen zu können, sollten Menschen viel mehr über ihre Billionen Darmbewohner und seine zentrale Bedeutung für die Gesundheit wissen, lautete ihre Forderung. Darauf weisen Fachärzte allerdings seit Jahrzehnten immer wieder hin, eigentlich sogar seit Jahrtausenden. Schon die Ärzte der Antike wussten, dass ein gesunder Darm eine zentrale Rolle für Wohlbefinden und Gesundheit des Menschen spielt.

Neues vom Darm: Endlich grundlegende Informationen zu unserem „Neben Ich“ im Bauch

„Wenn wir vor dem vollen Teller sitzen und essen, dann füttern wir eigentlich das Heer unserer Darmbakterien. Das Essen wird erwartet von Billionen hungriger Bakterienmäuler.“ Was das bedeutet und welche Folgen dies hat, wie die Darmbewohner unseren Essensgeschmack und unsere Gefühle beeinflussen, unser Gewicht und das Wohlbefinden, wie sie die Gesundheit steuern, das wird in dem Buch "Neben Ich - wieviele sind wir wirklich?" auf faszinierende Weise beschrieben.

 

„Unser Bauch ist ein Hochleistungszentrum. Organisiert wird es vom Darm. Er agiert als eigenständiges und souverän entscheidendes Management. Alle anderen Organe unseres Körpers werden durch Signale aus dem Kopf gesteuert. Nicht so der Darm. Er hat seinen eigenen Kopf“, heißt es in diesem ersten grundlegenden Buch über unser Neben Ich. Dieses Neben Ich ist Milliarden Jahre älter ist als Gehirn und Verstand. „Nicht unser bewusstes Ich steuert die Vorgänge des Lebens, sondern das riesige Neben Ich“, heißt es dort. Das bedeutet: Über Gefühle und Stimmungen, über Gesundheit oder Kranksein, über psychische Verfassung und Gedächtnis bis hin zu Alzheimer und darüber, wie alt wir einst werden, wird nicht in unserem Kopf entschieden, sondern im Neben Ich. Im Bauch. Im Darm. Er ist unser bakterieller Urgrund und seine hundert Billionen Einzellebewesen halten unser Leben aufrecht, solange die Bedingungen für sie stimmen.

Neues vom Darm: Der Bauch wird zum Liebling der Forschung

Peer Bork, Biochemiker am Europäischen Laboratorium für Molekularbiologie in Heidelberg, hat durch intensive Forschungen an Stuhlproben aus aller Welt herausgefunden, dass sich die gesamte Menschheit in drei unterschiedliche Darmtypen unterteilen lässt. Entscheidend für die Zugehörigkeit zu Typ 1, 2 oder 3 ist demnach die Zusammensetzung der Bakterienstämme, die im jeweiligen Verdauungstrakt vorherrschend sind. Wir Menschen sind demnach weit mehr bakteriell bestimmt, als wir uns das bislang vielleicht eingestehen mochten.

 

Der Darmtyp, zu dem man gehört, sei unverwechselbar wie ein Fingerabdruck. Bork verwendet noch ein anderes Beispiel. Er sagt: „Sie sind vergleichbar mit Blutgruppen“. Durch sie könne auch unser Nervensystem und unser Verhalten beeinflusst werden, sogar unser Gehirn. „Wir werden unser Bild vom menschlichen Körper völlig überdenken müssen“, prophezeit Bork mit Blick auf den Darm und seine neu entdeckte überragende Bedeutung für unser Leben.

Neues vom Darm: Das Gehirn im Verdauungstrakt steuert unser Leben

Lange galt der Darm auch Medizinern lediglich als unappetitliches Rohr für den Transport von zu Brei zersetzter Nahrung und der Entsorgung der übrigbleibenden Fäkalien. Übler Geruch, Blähungen, Schleim sowie unangenehme Geräusche wurden primär mit ihm assoziiert. In den letzten Jahren erst hat man erkannt, dass unser acht Meter langer Darm in Wahrheit Motor und Basis unseres Lebens ist. Er ist der älteste Teil der Evolution zum Menschen. Und nach Ansicht hochrangiger Wissenschaftler der intelligenteste. Geradezu ehrfurchtsvoll sprechen Wissenschaftler inzwischen vom Bauchhirn.

 

Von diesem Darm- oder Bauchhirn sind wir mindestens so abhängig, wie vom Kopfhirn. Rund 100 Millionen Nervenzellen sind in ihm aktiv. Sie sind genauso leistungsfähig wie das Gehirn im Kopf. Das Bauchhirn kontrolliert, was in unseren Stoffwechsel, in unseren Blutkreislauf hinein darf und was nicht. In die feinen Blutgefäße, die alle unsere Organe versorgen und so das Leben des Organismus erst ermöglichen, gelangen nur Stoffe, die dem Körper zuträglich sind. Das Darmhirn entscheidet darüber, nicht unser großes Gehirn im Kopf. Es wird lediglich vom Bauchhirn über seine Entscheidungen unterrichtet. Fast alle Nervenimpulse (über 90 Prozent) gehen aus dem Bauch heraus zum Kopf. Der Bauch nimmt umgekehrt vom Kopfhirn keine Befehle entgegen. Das ist einmalig im gesamten Organismus. Nur der Darm mit seinen Billionen Lebewesen trifft eigene Entscheidungen. Alle anderen Organe ob Herz, Niere, Lunge etc. folgen ausschließlich den Anweisungen, die sie vom Gehirn erhalten. Werden sie vom Nervensystem des Kopfes abgeschnitten, sind sie gelähmt. Der Darm dagegen arbeitet unverdrossen weiter, solange, bis der Körper insgesamt abgestorben ist.

 

Am Anfang der Entwicklung des Lebens stand ein Gebilde, dem der Darm bis heute entspricht: ein membranartiger Schlauch, der über drinnen und draußen entschied und zu einem ersten Bakterium wurde. Er ist das älteste Organ in unserem menschlichen Konglomerat. Lange bevor sich die Außenhaut, das Herz, die Lunge oder gar das Gehirn entwickeln konnten, gab es den souveränen Darm und in ihm die souveränen Mikroben. Im Verlauf der menschlichen embryonalen Entwicklung im Uterus ist das noch gut zu sehen: Der Darm bildet sich als eines der allerersten Organe. Am Ende des dritten Schwangerschaftsmonats haben Embryos schon den kompletten Verdauungstrakt ausgebildet. Bereits in diesem Stadium sind Speiseröhre, Magen und Darm entwickelt.

 

Die überragende Bedeutung des Darmhirns wurde erst vor kurzer Zeit überhaupt erkannt. Nun hat sich ein neues Forschungsgebiet dazu entwickelt: die Neurogastroenterologie. Sie untersucht und entschlüsselt die hochkomplexen Signalwege, mit denen das Darmhirn unser Leben steuert.

 

Von Billionen Darmbakterien gehen diese Steuerungssignale aus. Sie beeinflussen über den Blutkreislauf unseren gesamten Organismus, bis hinein ins Gehirn. Sie entscheiden über Stimmungen, bestimmen darüber, wie wir uns fühlen. Ob wir uns im Stimmungshoch oder in der Depression befinden, wird dort im Darmhirn entscheiden.

 

Dabei haben diese ungeheuer vielen Mikroorganismen in uns - in jedem Gramm Darminhalt leben mehr Mikroben als Menschen auf der Erde – ihre eigenen Gene. Das Genom unserer Mikroorganismen ist 400 Mal so umfangreich, wie unser eigenes. Etwa acht Millionen Gene, die in ein Protein übersetzt werden können, besitzen unsere Mikroorganismen, wir selbst haben nur ca. 22 000. Wie sehr diese Fakten unser Immunsystem steuern, den Stoffwechsel, die Hormonproduktion und die Energieversorgung des gesamten Organismus, ist noch immer nicht wirklich erforscht. Aber dass die Steuerungszentrale des Lebens im Darmhirn liegt, ist bereits unübersehbar.

Neues vom Darm: Gesunder Kot – nie war er wertvoller als heute

Gastroenterologen probieren neue Wege im Kampf gegen Darmkrankheiten aus. Besonders raffiniert rückt man den giftproduzierenden Bakterien vom Typ Clostridium difficile zu Leibe, die lebensbedrohende Durchfallerkrankungen auslösen können. Um eine Besiedlung des Darms mit diesen schädlichen Bakterienstämmen zu beseitigen, werden sogar Stuhltransplantationen durchgeführt. Das heißt, dass eine billionenstarke, ungesunde Lebensgemeinschaft im Darm, gegen eine andere ausgetauscht wird. Wie das geht, erklärt Dr. Erhard G. Siegel vom St. Josefskrankenhaus in Heidelberg in der medizin-welt.info: „Frischer Stuhl eines gesunden Spenders wird dazu in Kochsalzlösung aufgelöst, man filtriert die Mischung und gibt sie direkt in den Darm des Patienten. Entweder erfolgt dies über eine bis in den Darm reichende Nasensonde oder per Koloskop im Rahmen einer Darmspiegelung. Im Gegensatz zu sonstigen Transplantationen kommt es bei der Stuhltransplantation weder auf die Blutgruppe an, noch auf sonstige individuelle Merkmale. Entscheidend ist, dass der Spender infektfrei ist und in den vorangegangenen Monaten nicht mit Antibiotika behandelt wurde.“

 

Wenn sich die neue Lebensgemeinschaft der Billionen Darmbewohner stabilisiert hat, können Menschen, die mit Darmproblemen kämpften, als geheilt gelten. Zwar hatten chinesische Mediziner schon vor 1.000 Jahren ähnliche Versuche gemacht, doch erst jetzt werden die wissenschaftlichen Grundlagen für die Therapie gelegt. Gastroenterologen prophezeien der Methode eine große Zukunft.

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Kommentare: 3
  • #1

    klaus kaminski (Samstag, 17 Januar 2015 12:35)

    hallo ihr,vor 15 monaten wurde mein darm gececkt.danach meinte ich mehr durchfallereignisse zu haben.daran schlossen sich an,hoher blutdruck,puls,bis zum unatäquanten defi-ausschlag.2014 6mal notaufnahme,davon 3mal intensiv aufenthalt mit 2maligem anschliesendem krankenhausaufenthalt(1 stent gesetzt)ich benutze ein heimbeatmungsgerät(bi pap und ab 16 dezember ein auto set cs von resmed)das autoset cs hat in der ersten nacht gut fuktioniert,in der zweiten hervorragend,wie im schlaflabor.dann aber hatt es mich zu heftig beatmet.folge, hyperventilation,nach meinung einer ob.ärtztin der missio-klinik.ich habe ihr die symtome geschildert,wie oberschenkel brennen,waden füsse und hände pizzeln.der darm bewegt sich heftig und plubbert,schwindel.das setzt sich auch am tag fort und bessert sich nachmittags.dazwischen immer hochdruckspitzen.ich war ja immer der meinung einem sauerstoffmanglel ausgesetzt zu sein.ich warte auf mein verordnetes auto set cs2 und anschliessendem schlaflabortest.arzt-aok-resmed sollten besser miteinander kommunizieren.mein leben steht auf dem spiel.bei einer gerätefreien nacht,ca. alle 20 minuten aufgewacht,hyperventiliert,bauchspassmen u.s.w erholung-wieder einschlafen,weiss ich jetzt, das ich das richtige gerät im richtigen modus mit richtigen feststellbaren drücken brauche, zum beispiel das stellar 150.von meinem service-monteur beschrieben o.andere fa.die aok würde durch vereinfachung ihrer verschreibungsrichtlnien grosses leid und erhebliche kranken-folgekosten mindern.ihr bericht hatt mir sehr geholfen und sollte allen beteiligten eine lehre sein.mein spruch alle...folgen,haben...folgen gruss klaus kaminski

  • #2

    Erika (Montag, 06 Juni 2016 18:15)

    Mit großer Freude habe ich das Buch Darm mit Charme gelesen und ich habe den Eindruck, dass ich die Aufgaben des Darms jetzt deutlich besser einordnen kann und zu schätzen weiß. Die Darmgesundheit ist einfach super wichtig für unser Wohlbefinden. Um meinen Darm und mir nun täglich etwas Gutes zu tun, habe ich mich vor einiger Zeit für die Hocke entschieden, denn in der Hocke kann ich meinen Enddarm schnell und gründlich leeren. Mit der Hockhaltung als Sitzposition für einen unkomplizierten und schmerzfreien Stuhlgang schiebe ich einfach einen medizinischen Toilettenhocker vor mein herkömmliches Sitzklo. Anatomisch sind wir auch für unsere Darmreinigung für die Hocke gemacht, und im asiatischen Raum wird diese Sitzposition auch nach wie vor praktiziert. Zahlreiche Darmkrankheiten lassen sich mit Hilfe der Hocke und eines Hockers wirksam behandeln und sogar gezielt vorbeugen.

  • #3

    Mirinda (Dienstag, 29 November 2016 08:53)

    Endlich kapiere ich, was Darm eigentlich ist: unser Ursprung und bis heute unser Steuerungsorgan. Dass ich das nicht schon lange erkannt habe. Danke für "Neben Ich" - es ist das Beste, was ich zum Thema Menschsein, Verdauung und Stoffwechsel je gelesen habe. Und sogar über unsere Jahrtausende alte Beziehung zu Drogen, über die Käßmann und vor allem über mich: als Mensch und wie ich funktioniere.