Der Mensch ist ein aufrecht gehender Darm

Der Welt größtes Darm-Modell - es ist begehbar und vermittelt einen Eindruck von den Funktionen unseres Zentralorgans, das sich durch den gesamten Körper hindurchzieht. Foto: Burda Stiftung.
Der Welt größtes Darm-Modell - es ist begehbar und vermittelt einen Eindruck von den Funktionen unseres Zentralorgans, das sich durch den gesamten Körper hindurchzieht. Foto: Burda Stiftung.

Diese Überschrift ist keine reißerische Schlagzeile. Ihre Aussage ist auch nicht übertrieben. Wir Menschen und alle Lebewesen haben uns im Laufe der Evolution aus einem Darm entwickelt. Er stand am Beginn des Lebens: eine mikroskopisch kleine Hülle, die aufnahm und die ausscheiden konnte. Im Verlauf der Evolution haben wir Menschen uns zu einem aufrecht gehenden multiplen Organismus entwickelt. Doch der Darm, der den Anfang bildete, ist bis heute unser zentrales Organ geblieben. Wir sind im Prinzip tatsächlich ein aufrecht gehender Darm.

Aller Anfang war eine winzige Membran

Als auf unserem Planeten Leben entstanden ist, umgaben sich vorhandene Biomoleküle, die durch die Energie von Blitzen oder Vulkanen entstanden sein sollen, mit  einer Membran, einem Häutchen. Damit grenzten sich die mikroskopisch kleinen Substanzen erstmals von der Außenwelt ab. Wie sie das geschafft haben, weiß bis heute niemand. Aber dies ist nach Ansicht von Evolutionsbiologen der entscheidende Schritt zur Lebendigkeit gewesen, damit begann unbelebte Materie zu leben: mit aufnehmen und ausscheiden. Bis auf den heutigen Tag ist dieses Aufnehmen und Ausscheiden die zentrale Aufgabe aller lebendigen Systeme

Mit Verdauung fing alles Leben auf Erden an

Dass die erste Zelle vor Milliarden von Jahren eine halbdurchlässige Grenze um sich herum gebildet hat, um zu unterscheiden, was hereinkommt und was hinaus muss, ist die „Voraussetzung für ihr Lebendigsein.“ So erklärt der britische Biologe Stephan Harding die Bedeutung dieses Vorganges vor Jahrmilliarden. Er sagt: „ Die Intelligenz der Zelle liegt daher gar nicht so sehr in ihrer DNA, sondern in ihrer Membran, die eben für diese Entscheidungen über den In- und Output sehr intelligent sein muss.“

 

Die neue, intelligente membranumhüllte Molekülverbindung war nun nicht mehr passiv ihrer Umwelt und deren Einflüssen ausgeliefert, sondern ihre Hülle hat aktiv entschieden über „drinnen“ und „draußen“. Alles, was sie brauchte, ließ sie herein: das Licht der Sonne und die irdischen Stoffe, aus denen sie Energie bezog. Alles, was verbraucht war, wanderte nach draußen. Ein Prinzip, das bis heute gilt. Wir nennen es Verdauung. 

 

Mit Verdauung fing alles Leben auf Erden an. Zunächst entwickelten die mikroskopisch kleinen, einzelligen Lebewesen wie beschrieben dieses Verfahren: die Bakterien. Sie sind unsere frühesten Vorfahren. 

Verdauungstrakt
Vom Mund bis zum Anus erstreckt sich der 5 bis 8 Meter lange Versorgungstrakt, der durch unseren Körper hindurchführt, vom Mund über Speiseröhre, Magen, Dünndarm, Dickdarm bis zum After.

Und auch wenn wir inzwischen aufrecht gehen und nicht mehr einzellig sind, sondern ein riesiger Mikroben- und Zellverbund, unser  Zentralorgan ist unverkennbar der sechs bis acht Meter lange Versorgungstrakt, der sich vom Mund bis zum After durch unseren gesamten Körper hindurchzieht. Ohne ihn ist Leben nicht möglich. 

 

Auch wenn wir inzwischen an fein gedeckten Tischen sitzen oder unseren Hunger mit Hilfe von Fertignahrung stillen: wir führen vorne ein und scheiden hinten aus wie unsere Bakterienvorfahren. Längst nehmen wir zwar nicht mehr über die durchlässige Haut und in der Regel auch nicht über ein Loch in unserer Hülle - den Mund - direkt auf, sondern gebrauchen Greifhand und Werkzeuge wie Gabel, Löffel oder Stäbchen. Aber anschließend geht alles seinen Gang wie seit Milliarden Jahren: rein - auswerten – raus. Und wenn wir uns auch noch so raffinierte Rezepte und Zubereitungsweisen ausgedacht haben, ihnen folgt nach dem Verzehr die Verdauung und die nimmt den gleichen Weg wie seit Anbeginn des Lebens.

Der Hohlraum unseres Darms gehört noch zur Außenwelt

Am Ablauf und Verlauf der Verdauung können wir deutlich ablesen, dass sich im Laufe der Entwicklung an diesem Prinzip des Lebens nur wenig geändert hat. Auch heute, im 21. Jahrhundert unserer Zeitrechnung sind es Bakterien mit einer intelligenten Membran, die sich um die Verwertung der Nahrung und die Energieversorgung kümmern. Wenn wir essen, dann füttern wir mit Messer und Gabel bewaffnet unsere Bakterien, die alles weitere für uns erledigen müssen. Wie vor Jahrmilliarden sind nur sie dazu in der Lage, nur sie beherrschen die Verdauung. Sie wohnen in unserem langgezogenen Versorgungstrakt, um den herum sich im Laufe der Milliarden Jahre dauernden Entwicklung unser vielfältig organisierter Organismus entwickelt hat - und auf unserer Haut.

 

Unser Versorgungstrakt, der Hohlraum zwischen Mund und Anus aber gehört eindeutig noch zur Außenwelt. Unser Darm ist ein Außenweltkanal, ein Tunnel durch uns hindurch. Wir sind wie gesagt hohl. Wären auf dem Weg zwischen Mund und Anus nicht Kammern, wie der Magen und wären nicht die vielen Krümmungen und Windungen in den Gedärmen, man könnte durch diesen Tunnel und damit durch uns hindurchsehen.

 

Erst hinter der muskulösen Wand, von der unser Darm-Tunnel umschlossen ist, beginnt die Innenwelt, unser eigentlicher Körper. Er wird aus dem Tunnel heraus versorgt. Und durch den gleichen Tunnel erfolgt auch die Entsorgung der Reste, die der Körper nicht braucht.

 

Alles, was hinter der Tunnelwand liegt, bekommt die Stoffe zum Leben quasi durchgereicht. Feinste Blutgefäße (zu denen Bakterien Zutrittsverbot haben) in der Darmwand nehmen auf, was von den Verdauungsbakterien zur Verfügung gestellt wird und transportieren es über das riesige Leitungsnetz des Adergeflechts bis in die fernsten Regionen des Körperkonglomerats aus Mikroben, Zellen, Nervensynapsen, das auch als unser „Neben Ich“ bezeichnet wird. 

 

"Im Vergleich mit dem Darm und seiner Leistungskapazität ist das Herz eine primitive Pumpe“

Der Mensch und die meisten anderen Lebewesen haben also zwei Hüllen, die ihren Körper nach Außen abgrenzen: die Körper-Außenhaut und die Darmwand. Aber das sind keine starren Grenzen, sondern sie haben membranartige Eigenschaften, wie bereits das erste Bakterium. Sie sind bis zu einem gewissen Grad durchlässig, können aufnehmen und abgeben.

 

Alle Stoffe, die in uns hineingelangen, mit Ausnahme von Spritzen und Infusionen, befinden sich erst dann im Inneren, wenn sie diese membranartige Grenze passiert haben, die durch die Darmwand gebildet wird. Im Darm, in diesem Hohlraum selbst, ist noch immer außerhalb des Körpers. 

 

Unser Darm, diese in Milliarden von Jahren erfolgte Weiterentwicklung der ersten membranumhüllten Bakterie, ist ein Wunderwerk. Im Vergleich mit dem Darm und seiner Leistungskapazität ist das Herz „eine primitive Pumpe“, schreibt der amerikanische Neurobiologe Michael Gershon in seinem Buch „Der kluge Bauch“

Der Darm ist die verwegenste Konstruktion der Natur im Gesamtsystem von uns Menschen

Neben Ich
Die Formel für die universelle Energie des Lebens - das Adenosintriphosphat (ATP). Seine existentielle Bedeutung ist Im Buch "Neben Ich"leicht verständlich und eingehend beschrieben. Foto: HGW

Der Darm ist die verwegenste Konstruktion der Natur im Gesamtsystem von uns Menschen. Nicht nur, dass dieser Hohlraum sich außerhalb unseres Körpers befindet - von dort, von außerhalb, wird unser Organismus auch noch versorgt mit allem was er braucht. Ohne diesen außerhalb des Körpers befindlichen Hohlraum und seine Bewohner könnten wir nicht existieren. Im letzten Abschnitt dieses Tunnels, im Dickdarm, hausen Billionen und Aber-Billionen von Bakterien. Es sind mehr als 400 verschiedenen Arten. Sie leben an der Darmwand des Dickdarms. Wir füttern diese Darmbakterien via Mund, Speiseröhre, Magen und Dünndarm mit unseren Speisen. Sie holen Nährstoffe und Energie aus der Nahrung und leiten sie über die gut durchblutete Darmwand ins Innere des Körpers – sie selbst müssen draußen bleiben.

Wir füttern sie - sie füttern alle Zellen unseres Organismus. Und in den Körperzellen leben wiederum Bakterien – korrekt Ex-Bakterien – die aus den von den Darmbakterien zur Verfügung gestellten Nährstoffen und aus dem Sauerstoff, der über die Lunge kommt, die körpereigene Energie ATP herstellen – jeden Tag etwa so viel wie unser eigenes Körpergewicht ausmacht. Ein faszinierendes Zusammenspiel, eine atemberaubende Produktion von elektrischer Energie mit der Herz, Hirn und Muskeln betrieben werden und über die wir am gedeckten Tisch nicht eine Sekunde lang nachdenken.

 

Während wir essen, während wir arbeiten, wenn wir schlafen, wenn wir lieben – ununterbrochen wenn auch mit unterschiedlicher Intensität, holen die Darmbakterien in unserem Verdauungstrakt Nährstoffe aus den zugeführten Speisen. Und sie produzieren Vitamine, vergären Zucker, binden Schadstoffe und eliminieren gefährliche Keime. Billionen Bakterien im Dickdarm bilden ein eigenes Abwehrsystem und beseitigen die Krankheitserreger, die wir uns mit der zugeführten Nahrung oder auf welche Weise auch immer eingefangen haben. Sie sorgen dafür, dass gefährliche Keime sich nicht ausbreiten können. 70 bis 85 Prozent aller Abwehrzellen (die Zahlenangaben in der Fachliteratur schwanken) sitzen im Darmtunnel und verhindern das Eindringen schädlicher Keime in den Organismus, in unseren eigentlichen Körper. 

 

Wenn das Gleichgewicht im Darm gestört ist, wird es bedrohlich für das gesamte System

Unsere Darmbakterien können noch mehr: Sie stellen uns zum Beispiel B-Vitamine zur Verfügung wie B1 (Thiamin), B2 (Riboflavon), B6 (Pyridoxin), B 12 (Cobalamin). Ohne diese Vitamine würden wir nach dem heutigen Stand der Wissenschaft schwere Stoffwechselstörungen bekommen, Herzschäden und Muskelkrämpfe erleiden und unsere Konzentration würde stark beeinträchtigt. Wahrscheinlich wären wir ohne diese im Darm produzierten Vitamine lebensuntüchtig.

 

Also entscheidet demnach der gesunde Bauch, das Billionenheer der Darmflora über unsere Leistungsfähigkeit, Ausdauer und Konzentration, über unsere Nervenstärke und die Stabilität der Haut. Sogar das Vitamin H (auch als Vitamin B7 oder Biotin bezeichnet) wird von Darmbakterien gebildet. Es wirkt nicht nur Depressionen entgegen, sondern ist für eine Vielzahl von Körperfunktionen zuständig. Bei einem Mangel an Vitamin H können neben Depressionen auch Schläfrigkeit und außergewöhnliche Mattigkeit auftreten. Sogar Halluzinationen, Störungen der Herzleistung, der Bewegungsfunktionen und der Muskeln werden bei einem Mangel des Vitamins beobachtet.

 

Die Versorger selbst, also unsere Darmbakterien, die uns mit Nahrungsmitteln, Hormonen und Vitaminen auffüllen, leben draußen, sie sind nicht in uns. Wenn sie in uns auftauchen, wird es gefährlich. Denn sobald sie in die Blutbahn gelangen sollten, haben sie praktisch Zugang zu allen lebenswichtigen Organen. Diese würden sie ohne Rücksicht und ohne zu zögern befallen und damit zerstören. So sind sie. Sie können das.

 

Ihre Giftstoffe (Endotoxine) sind für unsere Organe im eigentlichen Körper potenziell tödlich. Das Beispiel Ehec machte es 2011 überdeutlich. Dieses Bakterium war in der Lage, Nieren zu zerstören und Menschen dadurch umzubringen. Wenn Mikroben in uns die Oberhand gewinnen, kann es zur Sepsis (umgangssprachlich „Blutvergiftung“ genannt) kommen. Ebenfalls eine tödliche Bedrohung.

 

Die Angehörigen des mikrobischen Systems halten sich normalerweise gegenseitig in Schach. Es herrscht eine Art Gleichgewicht zwischen den einzelnen Stämmen. Solange dieses gewährleistet ist, befindet sich auch unser Körper-Konglomerat nicht in Gefahr. Aber wenn „falsche“ Bakterien das Gleichgewicht stören oder gar die Oberhand gewinnen, herrscht Alarmstufe rot. Dann können Vergiftungen, Verstopfungen bis hin zum Darmverschluss, Reizdarm, Chronisch entzündliche Darmerkrankungen, Darmkrebs, Neurodermitis, Allergien und ähnliche bedrohliche Störungen die Folge sein. Dann kann es geschehen, dass der aufrecht gehende Darm in die Knie geht. Dann wird es ernst.

 

Anmerkung: In dem Buch mit Titel "Neben ich - wie viele sind wir wirklich?", das in Wagners Laden auch zum Sonderpreis von E 9,90 zu beziehen ist, werden alle Funktionen unseres Zentralorgans Darm ausführlich und sehr eingehend beschrieben. Erhältlich auch über amazon, zum Standardpreis.

 

 

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